Wohnhaus im Hansaviertel Berlin, 1957, von Alvar Aalto<br/><small>Landesarchiv Berlin, Fotosammlung, LAB 55 593</small> Musterwohnung mit Artek-Möbeln, Blick vom Wohnraum zur Loggia<br/><small>Landesarchiv Berlin, Fotosammlung, LAB 55 999</small> Wohnhochhaus in der Neuen Vahr Bremen, 1962, von Alvar Aalto<br/><small>Archiv Gewoba, Bremen</small> Kulturzentrum Wolfsburg, Entwurf von Paul Baumgarten, Berlin, 1958<br/><small>Akademie der Künste Berlin/Paul-Baumgarten-Archiv, Nr. 67 F. 89/9, Karl E. Jacobs</small> Theater Wolfsburg, Wettbewerbsentwurf von Alvar Aalto, 1965, zweiter Preis<br/><small>Heinrich Heidersberger Wolfsburg/ARTUR IMAGES</small> Theater Wolfsburg, 1973, von Hans Scharoun, Berlin<br/><small>Heinrich Heidersberger Wolfsburg/ARTUR IMAGES</small>

Von Alvar Aalto ist bekannt, dass er schon als junger Architekt in den spĂ€ten 1920er Jahren Kontakte zu deutschen Kollegen knĂŒpfte. Aalto war neugierig auf die moderne Architektur, wie sie das Bauhaus proklamierte, oder wie sie in Stuttgart auf der Werkbundsiedlung am Weißenhof 1927 zu besichtigen war. Er traf sich mehrmals mit Walter Gropius, Ernst May und Hans Scharoun und lud sie nach Finnland ein, unter anderem, um sein Sanatorium in Paimio, erstellt zwischen 1929-33, zu besichtigen.

1933 Ă€nderte sich schlagartig die Situation in Deutschland, fortschrittliche Architekten sahen sich mit Berufsverboten konfrontiert oder gingen in die Emigration. Aalto schrĂ€nkte seine Kontakte nach Deutschland ein und lehnte auch offizielle Einladungen ab. Gleichzeitig bedeuteten die 1930er Jahre fĂŒr Aalto den Beginn seiner internationalen Erfolge. Die finnischen Pavillons auf den Weltausstellungen 1937 in Paris und 1939 in New York – letzterer in Europa durch den Kriegsbeginn aber kaum noch wahrgenommen – verfestigten Aaltos Position als fĂŒhrende Architektenpersönlichkeit Finnlands. In seinem Heimatland jedoch blieb er lange ungewĂŒrdigt, erst 1943 wurde er mit knapper Mehrheit zum Vorsitzenden der Vereinigung der Finnischen Architekten SAFA gewĂ€hlt. Eine Rundreise mit Delegierten der SAFA fĂŒhrte ihn noch im selben Jahr, gezwungenermaßen, in das nationalsozialistische Deutschland.

Die Nachkriegsjahre boten die Gelegenheit zu rasanter BautĂ€tigkeit, in Deutschland aber auch in Skandinavien. Vor allem Finnland und Schweden wurden aufgrund ihrer ungebrochenen KontinuitĂ€t einer modernen Architekturauffassung Leitbilder in Fragen der Bautypologie, Technik und Ästhetik, Studienreisen in diese LĂ€nder eine professionelle Pflicht deutscher Architekten und HochschĂŒler, um den internationalen Anschluss neu zu erlangen. Und: skandinavische Architekten wurden seitdem gerne als Experten zu Bauvorhaben nach Deutschland eingeladen. Der DĂ€ne Arne Jacobsen erhielt AuftrĂ€ge in Hannover, Hamburg und Mainz, Jacobsen, Kay Fisker aus Kopenhagen und Alvar Aalto wurden ab 1953 in das Demonstrativbauvorhaben des Hansaviertels in Berlin einbezogen. Aaltos Ă€ußerlich unspektakulĂ€res Wohnhaus auf der INTERBAU, wĂ€hrend der Planung noch von den zustĂ€ndigen AusschĂŒssen als 'langweilig' geschmĂ€ht, entpuppte sich nach der Fertigstellung 1957 als wahrer Publikumsliebling. Seine Wohnungen zeigten völlig neuartige aber benutzbare Grundrisse, um einen zentralen Wohnraum gruppieren sich, ohne Flure, die weiteren RĂ€ume. Eine tiefe Loggia, fast ein Innenhof, schafft einen Hauch von EinfamilienhausqualitĂ€t auf dem Geschoss, lockere leichte Möbel aus dem Artek-Programm sorgten in einer Musterwohnung fĂŒr skandinavische Gestimmtheit. FolgeauftrĂ€ge, die Aalto sehr wohl im KalkĂŒl hatte, stellten sich prompt ein: das Wohnhochhaus in der Neuen Vahr in Bremen, das Kulturzentrum und das Heilig Geist-Gemeindezentrum in Wolfsburg – alle 1962 fertiggestellt – , das Stephanus-Gemeindezentrum in Wolfsburg, 1969 ĂŒbergeben, sowie das Opernhaus in Essen, dessen verzögerte Fertigstellung im Jahr 1988 Aalto nicht mehr erlebt hat.

Bei zwei Bauvorhaben in Wolfsburg trat Aalto in direkte Konkurrenz zu seinen befreundeten Kollegen aus Berlin, Paul Baumgarten und Hans Scharoun. WĂ€hrend Aalto 1958 das Gutachten zum Kulturzentrum gegen den parallel beauftragten Baumgarten fĂŒr sich entscheiden konnte, hatte Scharoun die Nase vorn beim Wettbewerb fĂŒr das Theater der Stadt im Jahr 1965, das erst 1973 fertiggestellt wurde. Kulturzentrum und Theater liegen seitdem eintrĂ€chtig in Sichtweite zueinander und sind in ihrer Haltung zwei sehr persönliche Bauzeugnisse zweier großer Meister des freien Entwerfens.

Hugo Alvar Henrik Aalto

1898   geboren am 3. Februar in Kuortane, Finnland
1916   Abitur am humanistischen Gymnasium in JyvĂ€skylĂ€
1921   Architekturdiplom am Polytechnischen Institut Helsinki
1923-27   freier Architekt in JyvĂ€skylĂ€
1924   Heirat mit Aino Marsio (1894-1948), gemeinsames BĂŒro
1927-33   freier Architekt in Turku
ab 1933   freier Architekt in Helsinki, er baut sich ein Haus im Stadtteil Munkkiniemi, in dem er bis zu seinem Tode lebt
1935   MitbegrĂŒnder der Möbelfirma Artek, die bis heute die legendĂ€ren Sitzmöbel aus Schichtholz produziert
1943-58   Vorsitzender der Vereinigung der Finnischen Architekten SAFA, Ehrenmitglied seit 1958
1946-48   Gastprofessur am Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, USA
1952   Heirat mit Elissa MĂ€kiniemi (1922-94), gemeinsames BĂŒro
ab 1955   Mitglied der Finnischen Akademie der Bildenden KĂŒnste, emeritiertes Mitglied seit 1968
1963-68   PrĂ€sident der Finnischen Akademie der Bildenden KĂŒnste
1976   gestorben am 11. Mai in Helsinki
1976   1. BDA-Preis Niedersachsen fĂŒr das Kulturzentrum Wolfsburg, ein weiterer Preis ging an das Theater der Stadt Wolfsburg von Hans Scharoun




Flyer: Birte Hennig, Braunschweig




Flyer: Ali Altschaffel, Wolfsburg